Livio Langenegger
9 Minuten Lesezeit
22 Jul
22Jul

Künstliche Intelligenz scheint auf den ersten Blick eine Erfindung des 21. Jahrhunderts zu sein. Begriffe wie ChatGPT, selbstfahrende Autos oder intelligente Roboter prägen die heutige Diskussion. Tatsächlich reicht die Geschichte der KI jedoch weit weiter zurück – bis in eine Zeit, in der es weder Stromnetze noch Computer gab.

Mitten in der industriellen Revolution entstanden Ideen, die ihrer Zeit um mehr als ein Jahrhundert voraus waren. Zwei Persönlichkeiten spielten dabei eine entscheidende Rolle: Charles Babbage und Ada Lovelace. Während Babbage den Entwurf einer programmierbaren Rechenmaschine entwickelte, erkannte Lovelace als Erste deren weitreichendes Potenzial. Gemeinsam legten sie die theoretischen Grundlagen moderner Computer – und damit letztlich auch der künstlichen Intelligenz.


Charles Babbage und die Vision einer programmierbaren Maschine

Lange bevor das Wort «Computer» eine Maschine bezeichnete, waren «Computers» Menschen, die umfangreiche mathematische Berechnungen von Hand ausführten. Solche Berechnungen waren zeitaufwendig und fehleranfällig – ein Problem, das insbesondere für Navigation, Astronomie und Ingenieurwesen grosse Bedeutung hatte.

Der britische Mathematiker und Erfinder Charles Babbage wollte dieses Problem lösen. Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte er die sogenannte Difference Engine, eine mechanische Rechenmaschine, die mathematische Tabellen automatisch berechnen sollte. Dadurch sollten menschliche Rechenfehler vermieden und Berechnungen deutlich beschleunigt werden.

Doch Babbage dachte weit über dieses erste Projekt hinaus. Schon wenige Jahre später entwarf er die wesentlich ambitioniertere Analytical Engine. Im Gegensatz zu früheren Rechenmaschinen sollte sie nicht nur eine einzelne Berechnung ausführen, sondern universell programmierbar sein.

Erstaunlich ist, wie modern dieses Konzept bereits war. Die Maschine verfügte in den Entwürfen über einen Speicher («Store») zur Ablage von Daten und eine Recheneinheit («Mill») zur Verarbeitung der Informationen. Programme und Daten sollten mithilfe von Lochkarten eingegeben werden – ein Verfahren, das damals bereits in automatischen Webstühlen eingesetzt wurde.

Obwohl die Analytical Engine zu Babbages Lebzeiten nie vollständig gebaut wurde, enthielt ihr Konzept bereits viele Elemente, die sich in heutigen Computern wiederfinden.


Geschichte der KI

Quelle: ChatGPT


Ada Lovelace – Die erste Programmiererin der Geschichte

Während viele Zeitgenossen Babbages Maschine lediglich als besonders leistungsfähige Rechenhilfe betrachteten, erkannte eine junge Mathematikerin ihr wahres Potenzial.

Augusta Ada King, Countess of Lovelace – besser bekannt als Ada Lovelace – wurde 1815 als Tochter des berühmten Dichters Lord Byron geboren. Kurz nach ihrer Geburt trennten sich ihre Eltern, und Ada lernte ihren Vater nie persönlich kennen. Ihre Mutter legte grossen Wert auf eine mathematische und naturwissenschaftliche Ausbildung, um ihre Tochter zu logischem Denken anzuregen.

Schon früh zeigte Ada aussergewöhnliches Interesse an Technik und Wissenschaft. Bereits als Zwölfjährige entwarf sie detaillierte Pläne für eine Flugmaschine. Die Verbindung aus Kreativität und analytischem Denken bezeichnete sie später selbst als «poetische Wissenschaft».

1833 lernte die damals siebzehnjährige Ada Charles Babbage kennen. Bei einer Vorführung seiner Difference Engine war sie sofort fasziniert und begann, sich intensiv mit seinen Maschinenentwürfen auseinanderzusetzen. Zwischen beiden entwickelte sich ein langjähriger wissenschaftlicher Austausch.


Das erste Computerprogramm

1842 veröffentlichte der italienische Ingenieur Luigi Federico Menabrea einen französischsprachigen Artikel über die Analytical Engine. Ada Lovelace übersetzte diesen ins Englische und ergänzte ihn auf Anregung Babbages mit eigenen Anmerkungen.

Diese sogenannten Notes A bis G wurden schliesslich rund dreimal umfangreicher als der ursprüngliche Artikel.

Besonders berühmt wurde die Note G. Darin beschrieb Lovelace Schritt für Schritt, wie die Analytical Engine Bernoulli-Zahlen berechnen könnte. Diese Anweisungsfolge gilt heute als eines der ersten veröffentlichten Programme, das ausdrücklich für die Ausführung durch eine Maschine vorgesehen war.

Aus diesem Grund wird Ada Lovelace häufig als erste Programmiererin der Geschichte bezeichnet.


Eine Vision, die ihrer Zeit weit voraus war

Noch bedeutender als dieses frühe Programm war jedoch Lovelaces grundsätzliche Erkenntnis über programmierbare Maschinen.

Sie erkannte, dass Computer nicht auf mathematische Berechnungen beschränkt sein müssen. Wenn Zahlen stellvertretend für Buchstaben, Musiknoten oder andere Symbole stehen, könnten Maschinen theoretisch auch Texte, Musik oder grafische Darstellungen verarbeiten.

Damit formulierte sie bereits Mitte des 19. Jahrhunderts ein Grundprinzip moderner Computer:

Computer verarbeiten nicht nur Zahlen – sie verarbeiten Informationen.

Diese Erkenntnis war revolutionär. Heute erscheinen Musikstreaming, digitale Fotos oder Sprachmodelle selbstverständlich. Ada Lovelace dachte dieses Prinzip jedoch mehr als 175 Jahre früher.

Besonders bemerkenswert ist ihre Vorstellung, dass eine programmierbare Maschine eines Tages sogar komplexe Musikstücke komponieren könnte – vorausgesetzt, die Regeln der Musik liessen sich in einer für die Maschine verständlichen Form beschreiben.

Damit nahm sie Entwicklungen vorweg, die heute im Zeitalter generativer künstlicher Intelligenz tatsächlich Realität geworden sind.


Geschichte der Künstlichen Intelligenz

Quelle: ChatGPT


Die «Lady Lovelace's Objection»

Trotz ihrer visionären Ideen blieb Ada Lovelace wissenschaftlich vorsichtig. Sie betonte, dass Maschinen nichts wirklich Eigenständiges erschaffen könnten. Eine programmierbare Maschine könne lediglich diejenigen Operationen ausführen, die Menschen zuvor definiert hätten.

Diese Aussage wurde später unter dem Namen «Lady Lovelace's Objection» bekannt und beschäftigt die Forschung bis heute. Kann künstliche Intelligenz tatsächlich kreativ sein? Oder kombiniert sie lediglich vorhandene Informationen auf neue Weise? Die heutige Diskussion über KI-Systeme wie ChatGPT, Bildgeneratoren oder Musik-KIs greift letztlich dieselbe Frage auf, die Ada Lovelace bereits Mitte des 19. Jahrhunderts stellte.


Ein Vermächtnis für die moderne Informatik

Ada Lovelace starb 1852 im Alter von nur 36 Jahren an Gebärmutterkrebs. Ihre Arbeiten gerieten danach über viele Jahrzehnte weitgehend in Vergessenheit.

Erst mit dem Aufkommen elektronischer Computer im 20. Jahrhundert wurde deutlich, wie visionär ihre Gedanken gewesen waren.

Heute trägt unter anderem die Programmiersprache Ada ihren Namen. Sie wurde im Auftrag des US-Verteidigungsministeriums entwickelt und wird bis heute in sicherheitskritischen Bereichen wie Luftfahrt, Raumfahrt und Verteidigung eingesetzt.

Obwohl weder Charles Babbage noch Ada Lovelace jemals einen funktionierenden Computer bauen konnten, legten sie die theoretischen Grundlagen für nahezu alle späteren Entwicklungen der Informatik.

Babbage entwarf die erste universell programmierbare Rechenmaschine. Lovelace erkannte als Erste, dass eine solche Maschine weit mehr leisten könnte als reine Mathematik.

Damit begann die Geschichte der künstlichen Intelligenz lange bevor elektronische Computer überhaupt existierten.


Fazit

Die Geschichte der künstlichen Intelligenz beginnt nicht mit ChatGPT oder modernen Rechenzentren. Sie beginnt mit einer Idee.

Charles Babbage entwickelte den Entwurf einer programmierbaren Maschine, die weit über damalige Rechenhilfen hinausging. Ada Lovelace erkannte als Erste, dass eine solche Maschine grundsätzlich jede Art von Information verarbeiten könnte – ein Gedanke, der bis heute das Fundament moderner Computer bildet.

Ihre Arbeiten zeigen eindrucksvoll, dass grosse technologische Revolutionen oft Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte vor ihrer eigentlichen Umsetzung beginnen. Ohne ihre visionären Ideen wären viele Entwicklungen der heutigen Informatik und künstlichen Intelligenz kaum denkbar gewesen.

Im nächsten Teil dieser Blogserie begleitet uns ein Mann, der die theoretischen Grundlagen moderner Computer entscheidend prägte: Alan Turing. Seine Ideen zur universellen Turingmaschine und sein berühmter Turing-Test beeinflussen die KI-Forschung bis heute.


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Weiterführende Quellen & Links

Ada Lovelace & Charles Babbage:

Originalpublikation (1843) - Lovelace, A. / Menabrea, L. F.: Sketch of The Analytical Engine Invented by Charles Babbage.
Digitalisiertes Archiv lesen

Programmiersprache Ada - Hintergrundinformationen zur im Auftrag des US-Verteidigungsministeriums entwickelten Programmiersprache.



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